20070505 024h
BuiltWithNOF
Erinnerungen

KEIN APRILSCHERZ – DAMPF-ERLEBEN ANNO 2017!

Rückblick ins Jahr 1973: der damals zwölfjährige Autor dieser Zeilen erlebt zum ersten Mal die „Schiefe Ebene“. Er ist Modellbahner seit dem dritten Lebensjahr, und über die Beschäftigung mit der H0-Eisenbahn wächst auch das Interesse an der grossen Bahn – kein Problem, die Kleinstadt Münchberg hat noch einen respektablen Bahnhof, auf dessen Gleisen immer was los ist.

Und ist mal Rangier- und Zugpause, gibt es doch noch eifriges Agieren beim Expressgut, an der Güterhalle oder im Ladehof. Kein Wunder, dass da mancher Nachmittag lieber auf Beobachtungsstation am Bahnhof als bei den Hausaufgaben verbracht wird…

Besonders interessant war es am frühen Nachmittag: in überschaubar kurzen Zeitabständen kamen gleich vier Schnell- und Eilzüge an den Bahnsteigkanten zum Halten, allesamt gezogen von schwarzen Ungetümen mit riesigen Rädern, neben denen sich der junge Bengel wie ein Zwerg vorkommen musste. Und diese Ungetüme lebten! Was konnten während der kurzen Aufenthaltszeit nicht alles für Geräusche und Gerüche der Maschinen aufgesogen werden – bis zum finalen Abfahrtspfiff des Zugführers. Dann hieß es respektvoll Abstand zur nun gleich loslärmenden Lokomotive einzunehmen und – eingehüllt in den Zylinderabdampf – den langsam schneller werdenden Auspuffschlägen mit Aug und Ohr zu folgen.

Doch wohin fuhren eigentlich all diese Züge? Die Bahnsteigansagen (so was gab es damals…) nannten Orte wie Bremerhaven-Lehe, Kaiserslautern oder Görlitz und entzogen sich den Umkreiskenntnissen aus der schulischen Heimatkunde.

Erreichbar erschien dagegen ein Ziel, von dem der junge Bahnfan erstmals in den am Fahrkartenschalter kostenlos (!) ausliegenden Zeitschriften wie „DB mit Pfiff“ oder „Rad und Schiene“ gelesen hatte: an der heimischen Strecke nach Bamberg sollte es eine „Schiefe Ebene“ geben – dort würden die Züge alleine gar nicht hochkommen, sie bräuchten zusätzlich Schubhilfe. Und die letzten alten Schnellzug-Dampflokomotiven würden dort nicht mehr lange fahren…

Also wurde die bemitleidenswerte Mutter lange genervt und gebettelt, doch dort mal hin zu fahren – am Ostermontag 1973 war es dann soweit! Hinter 001 168 im ersten Wagen – natürlich am offenen Seitengangfenster – war schon der Anstieg aus der Münchberger Senke hinauf zur Wasserscheide vor Stammbach ein geräuschvolles Erlebnis, das auf einer C60-Cassette dokumentiert werden sollte – ohne eine Ahnung von den störenden Fahrtwindgeräuschen zu haben.

Ausstiegsbahnhof war die Talstation Neuenmarkt – völlig neue Eindrücke wie die schwere Baureihe 044 vor einem Militärzug warteten hier. Doch nun wollte die Schiefe Ebene erwandert werden – ohne Wanderkarte oder den heute üblichen technischen Schnickschnack. Und einen Lehrpfad gab es natürlich auch noch nicht! Dafür die erste Begegnung mit einer Kreuzotter, die die Frühjahrssonne genießen wollte und sich dann doch von uns gestört fühlte.

Eher zufällig wurde in der Mittagsstunde der wohl interessanteste Teilabschnitt der Trasse beim Grossen Einschnitt (km 79,6) erreicht, und nun war auch mal mit Zugverkehr zu rechnen (in Zeiten eines Stundentaktes heute kaum zu glauben, von Neuenmarkt fuhr nach 8.45 Uhr der nächste Zug erst um 12.28 Uhr bergwärts!). So erlebte ich meine ersten bergfahrenden, 01-bespannten Dampfzüge: das – erst entfernt und leise – Schnaufen wurde immer lauter, noch lange bevor der Zug zu sehen war. Und dann stampften die stolzen Renner vorbei – ohne sichtbare Dampf- oder Qualmentwicklung, ohne Schleudern oder Pfeifen (wie das heute oft so üblich ist), einfach mit konstanter, wenn auch nicht allzu hoher Geschwindigkeit. Eigentlich gar nicht so spektakulär, aber dennoch beeindruckend. War die Wagenschlange länger, grummelte als Schubhilfe am Zugschluss eine V100-Diesellok lautstark als Schubhilfe; sie übertönte eine Zeit lang das Auspuffgeräusch des Dampfers.

Nach dieser ersten Schiefe-Ebene-Wanderung rollten wir mit einem VT 95 von Marktschorgast aus wieder zu Tale, um dann – natürlich 01-bespannt – die Heimreise über die Steilrampe anzutreten. Die Enttäuschung ist nicht zu verheimlichen: es waren nicht, wie sonst in Münchberg beobachtet, zwei Maschinen vorgespannt, es war „nur“ die eine Neubaukessel-Lok 001 131 (dies war dem Feiertagsverkehr geschuldet, aber woher sollte man das wissen?).

Seit diesem 24.04.1973 ist die Schiefe Ebene zum Lebensinhalt geworden mit letztlich sehr intensiver Beschäftigung, sei es mit der Abschlussarbeit im Aufbaustudium Denkmalpflege (über die Kunstbauten), mit der Organisation zahlreicher Sonderfahrten über die Rampe oder auch mit der verantwortlichen Gestaltung eines „Lehr- und Informationspfades Schiefe Ebene“ 1991 und dessen völliger Neugestaltung im Jahr 2013.

So ist es natürlich auch heute noch – 44 Jahre nach der „Erstbegegnung“ – quasi selbstverständlich, bei möglichst vielen der immer noch recht zahlreichen Dampflokfahrten über die Schiefe Ebene dabei zu sein! Es hätte 1973 keiner zu denken gewagt, dass eines Tages die Baureihe 01 länger im Museumsdienst über den Berg schnaufen würde als es im Plandienst der Fall war…

Zurück deshalb ins Jahr 2017. Noch vor „Saisonbeginn“ waren schon 41 1150, 44 546 und 52 8195 auf der Bergstrecke unterwegs; für den 1. April hatte sich ein weiterer Sonderzug aus Gera angekündigt, der Fahrgäste nach Bayreuth und ins DDM bringen sollte.

Die Zuglok – 01 519 der Eisenbahnfreunde Zollernbahn – nutzt den Aufenthalt im Museum zum Restaurieren im historischen Kohlenhof. Auch wenn man es schon so oft gesehen hat: zugucken fesselt, und es fällt schwer, sich für einen nachmittäglichen Kaffee von der Szenerie loszureißen – aber in Haus und Hof wartet samstags halt auch die eine oder andere Arbeit. Dennoch: auf dem Heimweg nimmt der Zug von Bayreuth ja noch einmal den Weg über die Schiefe Ebene…

Kurz vor Sonnenuntergang raffe ich mich also noch mal auf und radle zur warum auch immer so genannten „Schlömener Kurve“. Auf der Brücke über dieses Verbindungsgleis lausche ich in den Abend – nur Vogelzwitschern und ansonsten Ruhe, kein „Fan“ weit und breit. Allein mit sich selbst. Und dann ist es wieder zu vernehmen – ein leises Grollen aus Richtung Trebgast, langsam anschwellend und immer lauter werdend. 01 519 biegt in die Kurve ein und schnauft mit ihren fünf wagen in konstant flottem Tempo in die Schiefe Ebene hinein – völlig unaufgeregt zeigt eine schwache Rauchfahne ihren Weg durch den Wald hinauf zum Block Streitmühle…

Puristen mögen sagen: ist doch (nur) eine DR-Reko-01! Vielleicht, aber für mich ist’s akustisch eben eine 01, und ihrer Aussprache über rund acht Kilometer Fahrstrecke lauschen zu dürfen ist für mich eine Zeitreise und erfüllt mich mit Dankbarkeit, die Emotionen des Jahres 1973 genau so im Jahr 2017 erleben zu dürfen!

Neuenmarkt, im April 2017

Roland Fraas

 

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